Post-COVID-Syndrom und psychokardiologische Langzeitfolgen: Was wir bisher wissen

Liebe psyCardialer,

heute möchten wir euch gerne einen Einblick in die aktuelle Studienlage zu Post-COVID, auch Long COVID genannt, und dessen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und unsere Psyche geben. Das sogenannte Post-COVID-Syndrom betrifft Millionen von Menschen weltweit. Es kann sowohl das Herz-Kreislauf-System als auch die psychische Gesundheit langfristig beeinträchtigen.

Viele, die an COVID erkrankt waren, haben Wochen bis Monate nach der akuten Infektion noch diverse Beschwerden. Offiziell definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Long COVID als Symptome, die drei Monate nach Beginn der COVID-Infektion immer noch vorhanden und nicht durch andere Ursachen erklärbar sind [1].

Häufige Symptome sind: anhaltende Erschöpfung (sog. Fatigue), Schlafstörungen und neurologische Beeinträchtigungen, wobei insgesamt über 200 verschiedene Langzeitsymptome dokumentiert sind [1].

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 10% bis 30% aller SARS-CoV-2-Infizierten, welche nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten, Symptome von Long COVID entwickeln [2]. Bei Patienten, welche eine Behandlung im Krankenhaus erhielten, liegt die Quote sogar bei 50% bis 70% [2]. Personen, die sich impfen ließen, sind schätzungsweise zu rund 10% bis 12% von Long COVID betroffen [2].

Weltweit könnten auf diese Weise über 65 Millionen Menschen von Long COVID betroffen sein [2]. Anders als man vielleicht denkt, tritt Long COVID nicht nur nach schweren Verläufen auf. Auch Personen mit einem milden akuten Verlauf können anhaltende Symptome entwickeln, sogar wenn sie jung und zuvor gesund waren [2]. Die meisten Diagnosen von Long COVID werden zwar im mittleren Erwachsenenalter gestellt (häufig zwischen 36 und 50 Jahren), doch grundsätzlich kann es alle Altersgruppen treffen [2].

Psychische Langzeitfolgen

Studien zeigen, dass Long COVID häufig auch die Psyche belastet. Zu den oft berichteten Langzeitfolgen gehören Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sowie kognitive Probleme wie Konzentrationsstörungen oder Gedächtnislücken (sog. “Brain Fog”) [3]. Eine große Meta-Analyse mit 165 Studien ergab, dass rund 23% der Long-COVID-Betroffenen an Depressionen leiden und ebenso viele (23%) an Angststörungen; außerdem kämpfen mehr als ein Drittel (etwa 37%) mit Schlafstörungen [3].

Analysen deuten darauf hin, dass bestimmte Faktoren das Risiko für psychische Langzeitfolgen erhöhen können. Frauen und ältereMenschen scheinen etwas häufiger betroffen zu sein, ebenso Personen, die einen schwerenakuten COVID-Verlauf durchgemacht haben [3]. Auch vorbestehende psychische Vorerkrankungen könnten eine Rolle spielen [3]. Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass Menschen mit zuvor vorhandenen Depressionen oder Ängsten ein erhöhtes Risiko für Long COVID haben können [4].

Kardiologische Langzeitfolgen

Genauso alarmierend sind die kardiovaskulären Langzeitfolgen. Viele Long-COVID-Patienten berichten über anhaltende Herz-Kreislauf-Beschwerden. Häufig genannt werden Brustschmerzen, Herzstolpern oder -klopfen (sog. Palpitationen) und Luftnot bei Anstrengung (sog. Dyspnoe) [5].

Eine Meta-Analyse von 37 Studien mit knapp 3 Millionen Patienten schätzt, dass etwa 15% der COVID-Überlebenden kardiovaskuläre Langzeitfolgen entwickeln [1]. Besonders häufig treten Brustschmerz auf (in etwa 22% der Fälle), gefolgt von neu auftretendem Bluthochdruck (circa 19%) und Herzklopfen/Herzrasen (etwa 18%) [1].

Im Vergleich zu Personen, welche sich nie mit SARS-CoV-2 infizierten, ist das Risiko für Brustschmerzen bei Long COVID ungefähr viermal so hoch, für Herzklopfen etwa 3,4-mal so hoch und für neu auftretenden Bluthochdruck etwa 1,7-mal so hoch [1]. Eine SARS-CoV-2-Infektion kann eine Herausforderung für unser Herz-Kreislauf-System darstellen, auch wenn die Akutphase vermeintlich mild war.

Psyche und Herz

Studien zeigen, dass COVID-19, Depression und Herzprobleme oft gemeinsam auftreten und sich gegenseitig bedingen können [6]. COVID-Überlebende zeigten in den Untersuchungen insgesamt mehr psychokardiologische Symptome (gleichzeitige seelische und Herzbeschwerden) als Nicht-Infizierte [6]. Ausgeschlossen werden kann allerdings nicht, dass ein, durch die Pandemie veränderter Lebensstil (weniger Bewegung bei gleichem oder ungesünderem Essverhalten), diese Faktoren beeinflusst [6]. Gleichzeitig führten Quarantäne und Überlastung des Gesundheitssystems dazu, dass manche Patienten wichtige Arzttermine oder Behandlungen aufschoben, etwa Kontrolluntersuchungen beim Kardiologen [6]. Solche Verzögerungen können dazu beigetragen haben, dass bestehende Herzprobleme unentdeckt blieben oder sich verschlimmerten. Zukünftige Forschung wird hierzu weitere Aufklärungsarbeit leisten.

Was kannst du tun?

Wenn Du oder jemand in Deinem Umfeld von Long COVID betroffen ist, gibt es verschiedene Strategien, um besser mit den Langzeitfolgen umzugehen. Hier einige praktische Tipps aus psychokardiologischer Sicht:

  • Ärztliche Nachsorge: Lass Dich medizinisch durchchecken, wenn Deine Symptome länger anhalten.
  • Informiere Dich und hab Geduld: Wissen ist Macht – informiere Dich über Long COVID, damit Dich neue Symptome nicht überraschen. Zu verstehen, warum Dein Körper so reagiert, kann Ängste mindern.
  • Herzgesund leben: Versuche trotz allem, herzgesunde Gewohnheiten beizubehalten oder zu entwickeln. Ernähre Dich ausgewogen mit viel Gemüse, Obst, ausreichend Protein und Omega-3-Fettsäuren.Trinke genug Flüssigkeit. Verzichte auf Rauchen und übermäßigen Alkohol. Achte auf ausreichend Schlaf.
  • Körperliche Aktivität mit Maß: Bewegung kann helfen, sowohl körperliche alsauch seelische Gesundheit zu verbessern. Viele Long-COVID-Betroffene müssen jedoch vorsichtig wieder einsteigen. Steigere deine Aktivitäten langsam und in kleinen Schritten und sprich Dich stets mit Deinen betreuenden Ärzten ab. Leichte Ausdauerbelastung, wie Spaziergänge an der frischen Luft oder sanftes Radfahren, können den Kreislauf in Schwung bringen, ohne zu überfordern. Höre dennoch auf Deinen Körper und gönn Dir Pausen, sobald starke Erschöpfung oder Symptome auftreten.
  • Rehabilitation & Therapie: Scheue dich nicht, professionelle Reha-Angebote in Anspruch zu nehmen. Sprich Deinen Arzt auf eine Überweisung zur Rehabilitation an, besonders wenn Dich anhaltende Erschöpfung oder Luftnot im Alltag stark einschränken.
  • Psychische Unterstützung suchen: Zögere nicht, bei anhaltender seelischer Belastung professionelle Hilfe anzunehmen.
  • Soziale Kontakte & Selbsthilfe: Bleibe in Kontakt mit Familie und Freunden. Oft hilft es auch, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, zum Beispiel in Long-COVID-Selbsthilfegruppen (vor Ort oder online). Dort kannst Du Tipps von Menschen bekommen, die Ähnliches durchmachen. Diese Gruppen nehmen zumeist das Alleinsein-Gefühl, stärken Dich und geben Dir neuen Mut.

Fazit

Long COVID ist eine reale und komplexe Folgeerkrankung von COVID-19, die Körper und Psyche über längere Zeit beeinflussen kann. Inzwischen werden die Zusammenhänge jedoch immer besser verstanden und auf Basis aktueller Studien lassen sich gezielte Maßnahmen ableiten. Zum Einen ist es wichtig, medizinisch am Ball zu bleiben und körperliche Probleme (z.B. Luftnot) behandeln zu lassen. Zum Anderen darf aber die seelische Gesundheit nicht vernachlässigt werden. Long COVID erfordert oft Geduld mit sich selbst. Mit professioneller Hilfe, einem gesunden Lebensstil und sozialer Unterstützung können die meisten Betroffenen eine deutliche Besserung erreichen.

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Quellen

[1] Huang L, Li H, He B, Wang X, Zhang Q, Peng W (2025) Prevalence of cardiovascular symptoms in post-acute COVID-19 syndrome: a meta-analysis. BMC Med 23:70

[2] Davis HE, McCorkell L, Vogel JM, Topol EJ (2023) Long COVID: major findings, mechanisms and recommendations. Nat Rev Microbiol 21:133–146

[3] Seighali N, Abdollahi A, Shafiee A, et al (2024) The global prevalence of depression, anxiety, and sleep disorder among patients coping with Post COVID-19 syndrome (long COVID): a systematic review and meta-analysis. BMC Psychiatry 24:105

[4] Engelmann P, Reinke M, Stein C, Salzmann S, Löwe B, Toussaint A, Shedden-Mora M (2024) Psychological factors associated with Long COVID: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine 74:102756

[5] Wu K, Van Name J, Xi L (2024) Cardiovascular abnormalities of long-COVID syndrome: Pathogenic basis and potential strategy for treatment and rehabilitation. Sports Med Health Sci 6:221–231

[6] Tian P, Liu Y, Wang J, Xing L, Liu P (2023) Psycho-Cardiological Disease in COVID-19 Era. Rev Cardiovasc Med 24:239

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