Kognitive Funktionen: Gedächtnis und Aufmerksamkeit bei Herzpatienten

Liebe psyCardialer,

vielleicht hast Du schon einmal bemerkt, dass es Dir seit Deiner Herzerkrankung manchmal schwerfällt, Dir Dinge zu merken oder Dich zu konzentrieren. Damit bist Du nicht allein. Schätzungsweise 23% bis 50% der Patienten mit chronischer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) zeigen kognitive Beeinträchtigungen, vor allem im Gedächtnis (z.B. neues Lernen oder sich an etwas erinnern) und in der Aufmerksamkeit [1].

Auch bei einer koronaren Herzerkrankung können geistige Fähigkeiten wie das episodische Gedächtnis und das logische Denkvermögen nachlassen [2]. Diese kognitiven Funktionen sind jedoch grundlegend für ein unabhängiges Leben und unser Wohlbefinden [1].

Gedächtnis: Wenn das Herz die Erinnerung trübt

Gedächtnisprobleme sind bei Herzpatienten keine Seltenheit. Viele Betroffene vergessen beispielsweise die Medikamenteneinnahme oder Termine, oder sie müssen öfter nachfragen, weil neue Informationen einfach nicht im Gedächtnis bleiben wollen.

Tatsächlich zeigen Studien, dass Menschen mit Herzkrankheiten, beispielsweise Herzinsuffizienz oder koronarer Herzkrankheit, häufiger Gedächtnisprobleme haben [1, 2]. Wenngleich die zugrundeliegenden Mechanismen noch nicht vollständig erforscht sind, stellen forscher als möglichen Grund hierfür heraus, dass unser Gehirn nach einer solchen Erkrankung schlechter durchblutet wird [1].

Eine sehr wichtige Hirnregion für unsere Gedächtnisbildung ist der Hippocampus. Dieser dient wie ein Zwischenspeicher, bevor aufgenommene Informationen in Ruhephasen, beispielsweise beim Schlafen, zur Speicherung in andere Hirnregionen weitergeleitet werden [3, 4]. Studien zeigen, dass bei Herzpatienten Veränderungen wie eine Verkleinerung des Hippocampus aufgrund verminderter Durchblutung zu beobachten sind [1, 5].

Auch Begleiterkrankungen, beispielsweise Insulinresistenz und ein sich hieraus entwickelnder Diabetes mellitus sind mit einem verkleinerten Hippocampus-Volumen assoziiert [5]. In der Folge können sich Aufmerksamkeits- und Gedächtnisdefizite zeigen [5]. Die Folge im Alltag: wir vergessen Inhalte von Gesprächen oder wiederholen Erzählungen, ohne es zu merken [5]. Das kann frustrierend sein, aber es gibt Wege, wie Du lernen kannst, mit dieser Herausforderung umzugehen.

Aufmerksamkeit: Konzentration unter Druck

Neben dem Gedächtnis leidet oft die Aufmerksamkeit. Nach einem Herzinfarkt beobachten viele Betroffene, dass sie sich nur schwer auf bestimmte Informationen (sogenannte Reize) und/ oder über einen längeren Zeitraum konzentrieren können.

Tatsächlich fand Forscher in einer aktuellen Studie heraus, dass Aufmerksamkeitsstörungen die häufigste kognitive Beeinträchtigung bei Herzinfarktpatienten darstellen [5]. Hinzu kommt, dass die Selbstfürsorge bei einer Herzkrankheit viel geistige Energie kostet. Man muss an Medikamente, Ernährung, Arzttermine und Bewegung denken.

Forscher sprechen von kognitiver Ermüdung, wenn die Konzentration nachlässt, weil gleichzeitig weniger „geistige Ressourcen“ zur Verfügung stehen und mehr Anforderungen bewältigt werden müssen [1]. Wenn Du also beispielsweise versuchst, einen neuen Therapieplan zu verstehen, während Du Dich erschöpft fühlst, fällt es Dir schwerer, Dich auf die neuen Informationen zu konzentrieren.

Dieses Phänomen betrifft nicht nur Herzpatienten. So können auch Menschen mit einem hohen Stresslevel oder nach einem herausfordernden Arbeitstag am Abend ihre Konzentration in der Regel nicht lange aufrechterhalten.

Was bedeutet das für Deinen Alltag?

Kognitive Probleme bei Herzpatienten sollten Beachtung und Aufklärung erfahren. Häufig können die Betroffenen selbst ihre verringerte Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung nicht zuordnen. Studien zeigen, dass solche Defizite nicht nur für Verunsicherung sorgen können, sondern auch Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben, beispielsweise auf die Fähigkeit, Behandlungen konsequent umzusetzen [6].

Die gute Nachricht für Dich und Deine Angehörigen ist, dass Dein Gehirn sehr anpassungsfähig ist. Forscher arbeiten an Trainings für Gedächtnis und Aufmerksamkeit, die speziell Herzpatienten helfen sollen. In ersten Untersuchungen konnten Herzinsuffizienz-Patienten durch ein 3-wöchiges computergestütztes Gehirntraining ihre Merk- und Denkfähigkeit deutlich verbessern [6]. Solche Verbesserungen können im Alltag helfen, den Medikamentenplan einzuhalten oder sich die Einkaufsliste besser einzuprägen. Langfristig und bei regelmäßigem Training könnten diese Trainings sogar Deinen Heilungsverlauf positiv beeinflussen [6].

Auch kleine Tipps helfen:

  1. Gönn Deinem Kopf Pausen, integriere regelmäßige Spaziergänge an der frischen Luft in Deinen Alltag.
  2. Strukturiere wichtige Aufgaben (z.B. Pillenboxen für Medikamente).
  3. Zögere nicht, Freunde oder Familie um Unterstützung zu bitten.
  4. Trainiere Dein Gehirn mit Quizzes oder Spielen wie Scrabble.
  5. Setz Dich nicht unter Druck: Klebezettel sind nette kleine Helfer. Schreibe Dir auf, was Du nicht vergessen willst, und klebe Dir das an die entsprechende Stelle. Willst Du beim nächsten Einkauf die Milch nicht vergessen, klebe Dir einen Klebezettel auf das Lenkrad vom Auto oder auf den Fahrradsattel.

Ausblick

Gedächtnis und Konzentration spielen eine wichtige Rolle bei Herzkrankheiten. Wenn unser Herz aus dem Takt gerät, können auch unser Gedächtnis und die Aufmerksamkeit ins Stolpern kommen. Aber Du kannst aktiv gegensteuern. Achte auf die (kognitiven) Signale Deines Geistes: Vergisst Du häufiger etwas oder schweifen Deine Gedanken ab? Gehirnjogging hilft Dir, fit zu bleiben.

Sprich mit Deinen Ärzten offen darüber. Immer mehr Mediziner erkennen, wie wichtig diese kognitiven Aspekte sind, und werden Dich unterstützen. Mit der richtigen Hilfe kannst Du lernen, besser damit umzugehen. Mit Geduld, Training und Unterstützung kannst Du Deine kognitiven Fähigkeiten wieder stärken und so den Alltag mit Deiner Herzerkrankung selbstbewusster meistern.

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Quellen

1.   Pressler SJ, Jung M (2018) Chronic Heart Failure With Memory and Attention Dysfunction. JACC Heart Fail 6:593–595

2.   Kang W, Malvaso A (2023) Understanding Cognitive Deficits in People with Coronary Heart Disease (CHD). J Pers Med 13:307

3.   Hemmings J (2019) Psychologie im Alltag: wie wir denken, fühlen und handeln. DK, Dorling Kindersley Verlag GmbH, München

4.   Schmitz D (2011) Pressemitteilung-Detail. In: Charité – Univ. Berl. https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/neue_erkenntnisse_zur_funktion_des_hippocampus. Accessed 6 Jun 2025

5.   Kasprzak D, Rzeźniczak J, Kaczmarek-Majer K, et al (2025) Attention as the primary cognitive domain affected in post-myocardial infarction cognitive impairment: a prospective multicenter study. Sci Rep 15:16025

6.   Wedegärtner SM, Böhm M, Bernhard B, Schwantke I, Kindermann I, Karbach J (2025) Improving Cognitive Function in Patients with Heart Failure – The Cognitive Training in Heart Failure Study (CogTrain-HF). J Cogn Enhanc. https://doi.org/10.1007/s41465-025-00328-2

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