Broken-Heart-Syndrom: was steckt hinter dem Phänomen?

Liebe psyCardialer,

nachdem ihr letzte Woche das Broken-Heart-Syndrom kennengelernt habt, fragt ihr euch möglicherweise, was genau denn eigentlich im Körper passiert, dass so eine Reaktion ausgelöst werden kann. Wir haben versucht, uns der aktuellen Studienlage anzunähern.

Mechanismen, welche zum Broken-Heart-Syndrom führen können

Medizinisch ist das Broken-Heart-Syndrom noch nicht bis ins Detail aufgeklärt. Aktuell werden folgende Mechanismen angenommen:

Die adrenergene Hypothese

Angenommen wird derzeit ein Zusammenhang zwischen starkem Stress und dem dadurch entstehenden endogenen, adrenergen Schub. Dieser beschreibt einestarke körpereigene (endogene) Ausschüttung von Stresshormonen, vor allemAdrenalinundNoradrenalin, densogenanntenadrenergen Katecholaminen [1]. Ein starker emotionaler Reiz aktiviert im Gehirn das Stresszentrum, das über eine Kette von Reaktionen (HPA-Achse) eine Welle von Stresshormonen auslöst. Die HPA-Achse haben wir Dir bereits in dem Blogbeitrag zu den negativen Auswirkungen von chronischem Stress kurz vorgestellt.

Unabhängig von dem systemischen Anstieg der Katecholaminkonzentration über die HPA-Achse kann es ebenso zu einer lokal, nervös vermittelten Freisetzung von Katecholaminen im Herzmuskel kommen [1]. Zusätzlich zum Stresszentrum werden neuronale Impulse in den hinteren Hypothalamus geleitet, was zur Noradrenalinfreisetzung aus sympathischen Nervenfasern führt, die das Myokard und die Koronargefäße versorgen [1].

Somit kann die Freisetzung der adrenergenen Katecholamine systemisch über den Blutkreislauf oder direkt in den Herzmuskel erfolgen [1]. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sich auf diese Weise erklären lässt, warum in manchen Fällen die Katecholaminwerte im Blut nicht stark erhöht sind, das Herz aber trotzdem geschädigt ist [1].

Eine erhöhte Reaktionsfähigkeit der linken Herzspitze auf Katecholamine könnte das charakteristische Bild des Broken-Heart-Syndroms, welches sich im Bildgebungsverfahren zeigt, erklären [1]. Auch hier kann noch nicht abschließend gesagt werden, wie genau dieser Mechanismus wirkt. Vermutet werden eine mögliche direkte Schädigung des Herzmuskels durch den Überschuss der beteiligten Stresshormone (Katecholaminen) [1]. Weiterhin ist es möglich, dass die Wirkung dieser Stresshormone direkt am Herzmuskel eine „giftigere“ Wirkung haben, als wenn sie das Herz über den Blutkreislauf erreichen [1].

Zusammenfassung:

Wenn wir emotional oder körperlich stark belastet sind (z. B. durch Trauer, Schock, Operation), schüttet unser Körper Stresshormone (Katecholamine) wie Adrenalin und Noradrenalin aus. Diese gelangen entweder über die HPA-Achse in hoher Konzentration in unseren Blutkreislauf oder über neuronale Impulse in den hinteren Hypothalamus, was zur Noradrenalinfreisetzung aus sympathischen Nervenfasern führt. Diese Stresshormone können eine direkte Schädigung beim Herzmuskel herbeiführen.

Herz-Hirn-Achse

Die Brain-Heart-Axis (Herz-Hirn-Achse) beschreibt die enge Verbindung zwischen unserem Gehirn (insbesondere den emotionalen Zentren) und dem Herz-Kreislauf-System. Diese Verbindung läuft über das autonome (vegetative) Nervensystem sowie hormonelle Steuerungssysteme.

Viele Patienten weisen bereits vor der Entstehung des Broken-Heart-Syndroms häufig psychische Erkrankungen auf [1]. Insbesondere Patienten mit Depressionen und Angststörungen weisen erhöhte Konzentrationen der Mikro-Ribonukleinsäuren (miRNAs) 16 und 26a, also körpereigenen Genregulatoren, auf [1]. Es wird aktuell, basierend auf Nagetiermodellen, davon ausgegangen, dass die erhöhte Konzentration der genannten miRNAs zu einer höheren Anfälligkeit des Herzens für Stresshormone, insbesondere Adrenalin, führen können [1].

Mikrovaskuläre Dysfunktion

Beim Broken-Heart-Syndrom spielt nicht nur der Herzmuskel selbst eine Rolle, sondern auch die kleinsten Blutgefäße im Herzen, die sogenannten Mikrogefäße. Diese sind für die feine Sauerstoffversorgung des Herzmuskels zuständig. Genau an dieser Stelle kann es unter starkem Stress zu Problemen kommen. Die bereits erwähnten Stresshormone können zu einer Verkrampfung der Mikrogefäße führen oder ihre Funktion stören, sodass das Herz nicht mehr ausreichend durchblutet wird, obwohl die großen Herzkranzgefäße völlig offen sind [1]. Besonders betroffen ist dabei oft die Herzspitze, was das typische Krankheitsbild erklärt. Diese sogenannte mikrovaskuläre Dysfunktion kann möglicherweise auch durch Entzündungen des Herzgewebes hervorgerufen werden [1].

Entzündungsvorgänge

Beim Broken-Heart-Syndrom können ebenso Entzündungen im Herzmuskel beteiligt sein [1]. In der akuten Phase der Erkrankung finden sich aktive Immunzellen wie Makrophagen im Herzgewebe, die dort Entzündungsreaktionen auslösen [1]. Auch bestimmte Botenstoffe im Blut (z. B. Interleukin-6) sind erhöht [1]. Selbst Monate nach dem Ereignis bleiben diese Werte bei vielen Betroffenen verändert – was auf eine langanhaltende, niedriggradige Entzündung hindeutet [1].

Umgang mit emotionaler Belastung: Tipps für Betroffene und Angehörige

Ein gebrochenes Herz heilt nicht nur mit Medikamenten, sondern auch durch Zuwendung, Zeit und gesunde Bewältigungsstrategien. Wenn man eine extrem belastende emotionale Situation durchlebt – sei es Trauer, Schock oder großer Ärger – sollte man auf sich und sein Herz Acht geben. Folgende Tipps können Betroffenen und auch deren Angehörigen helfen, mit akuten seelischen Ausnahmesituationen umzugehen und das Risiko für ein Broken-Heart-Syndrom zu verringern:

  • Warnsignale ernst nehmen: Bei auftretenden Brustschmerzen, Engegefühl oder Atemnot nach einem emotionalen Ereignis sofort medizinische Hilfe holen. Lieber einmal zu oft den Notarzt rufen als einen ernsten Herzanfall zu übersehen. Auch wenn das Broken-Heart-Syndrom meist reversibel ist, gehören akute Symptome immer in ärztliche Abklärung, zumal ein Herzinfarkt ausgeschlossen werden muss. Angehörige sollten Betroffene ermutigen, Symptome nicht zu verdrängen, sondern schnell Hilfe zu suchen.
  • Stress aktiv bewältigen: Um gar nicht erst in eine solche lebensbedrohliche Lage zu kommen, ist es wichtig, chronischem Stress proaktiv zu reduzieren. Daher lohnt es sich, im Alltag auf ausreichend Entspannung und seelische Ausgeglichenheit zu achten. Einige Entspannungsübungen findest Du in diesem Blogbeitrag. Auch regelmäßige körperliche Bewegung hilft nachweislich, Stresshormone abzubauen. Soziale Kontakte sind enorm wichtig. Sei es zum Reden oder, um im Akutfall​ eine vertraute Person anzurufen oder beizuholen zu können.
  • Professionelle Hilfe annehmen: Große seelische Schmerzen wie Trauer oder Angst muss niemand alleine bewältigen. Das Gespräch mit einem Psychologen oder Therapeuten kann Betroffenen Wege aufzeigen, mit der Belastung umzugehen und neue Kraft zu schöpfen. Auch Selbsthilfegruppen (etwa für Trauernde oder Herzpatienten) bieten eine gute Möglichkeit, sich auszutauschen und gegenseitig zu stärken​.
  • Medizinische Nachsorge nutzen: Wer ein Broken-Heart-Syndrom durchgemacht hat, sollte auch nach der akuten Phase in kardiologischer Betreuung bleiben. Die Ärzte werden kontrollieren, ob sich die Herzfunktion normalisiert, und gegebenenfalls präventive Maßnahmen empfehlen. Auch die Behandlung von Begleiterkrankungen (z. B. Bluthochdruck oder einer Angststörung) gehört dazu, um das Herz langfristig zu entlasten. Wichtig ist zudem, dass Betroffene ihren Angehörigen von der Erkrankung erzählen. Diese können dann im Notfall besser reagieren und unterstützen.

Fazit

Es gibt einige Mechanismen, bei denen man die Vermutung hat, dass diese zu dem Broken-Heart-Syndrom führen können. Weiterführende Forschung wird jedoch von Nöten sein, um die bisher gefundenen Hypothesen ausführlich zu belegen.

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Quelle:

[1] Singh, T., Khan, H., Gamble, D. T., Scally, C., Newby, D. E., Dawson, D. (2022). Takotsubo Syndrome: Pathophysiology, Emerging Concepts and Clinical Implications. Circulation, 145 (13), S. 1002–1019.

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