Liebe psyCardialer,
nachdem wir euch letzte Woche in das Thema der Emotionen eingeführt haben, möchten wir uns diese Woche ein besonderes und noch recht junges Phänomen anschauen: Das sogenannte Broken-Heart-Syndrom.
Was ist das Broken-Heart-Syndrom?
Das Broken-Heart-Syndrom, welches auch Stress-Kardiomyopathie oder Tako-Tsubo-Kardiomyopathie genannt wird, ist eine akut einsetzende, spezielle Form der akuten Herzinsuffizienz [1]. Typisch für das Broken-Heart-Syndrom ist eine Kontraktilitätsstörung, also eingeschränkte Fähigkeit des linken Ventrikels (linke Herzkammer) sich zusammenzuziehen (zu kontrahieren) [2].
Dabei ist das charakteristische Merkmal des Broken-Heart-Syndroms in der Bildgebung eine sogenannte „apikale Ballonierung“, sprich „Aufdehnung“ in Richtung der Spitze (apikal) des linken Ventrikels [2]. In einem typischen Fall des Broken-Heart-Syndroms arbeiten Vorderwand und Herzspitze kaum oder gar nicht mehr mit [2]. Gleichzeitig arbeiten die oberen Bereiche des Herzens, welche näher an den Herzklappen liegen, die sogenannten basalen Abschnitte, umso stärker [2].
Erinnern tut das Bild, welches sich dadurch im diagnostischen Bildgebungsverfahren zeigt, an eine japanische Tintenfischfalle (takotsubo), was der Krankheit ihren Namen gab [2].

Abb. 1© Yousun Koh, nach Akashi, Y.J. et al.: Epidemiology and pathophysiology of Takotsubo syndrome. Nature Reviews Cardiology 12, 2015, fig. 2 (Ausschnitt)
In etwa 85 % der Fälle tritt diese Funktionsstörung nach einem sehr belastenden emotionalen – oder einem stressigen körperlichen Ereignis auf (sog. Index-Ereignis) [3]. Emotionale Stressoren (Trigger) sind beispielsweise Unfälle, Konflikte in der Beziehung oder auch finanzielle Probleme [3]. Physische, oder körperliche Stressoren können akute Asthmaanfälle oder schwere Erkrankungen, wie beispielsweise ein Schlaganfall, sein [3].
Die Symptome des Broken-Heart-Syndroms ähneln häufig denen eines Herzinfarkts [3]. Betroffene verspüren oft plötzlich starke Brustschmerzen und Atemnot [3]. Sogar im Elektrokardiogramm (EKG) und bei den Blutwerten zeigen sich Veränderungen, die einem Herzinfarkt ähnlich sind [3, 4]. Anders als beim Herzinfarkt findet man jedoch keine hochgradig verengten oder akut verschlossenen Herzkranzgefäße [3].
Obwohl insgesamt selten, macht das Broken-Heart-Syndrom schätzungsweise etwa 1–3 % aller Fälle von Verdacht auf Herzinfarkt (STEMI) aus (bei Frauen sogar 5–6 %) [4]. Auf der Grundlage von Studienergebnissen zeigt sich, dass rund 90 % der Patienten weiblich sind, durchschnittlich ein Alter von 67–70 aufweisen und 80 % älter als 50 Jahre alt sind [3, 4].
Die gute Nachricht ist, dass das Broken-Heart-Syndrom in den meisten Fällen vollständig reversibel ist. Nach einigen Wochen hat sich die Herzfunktion bei der Mehrzahl der Patienten wieder normalisiert [2]. Allerdings können im Akutstadium durchaus ernste, mitunter lebensbedrohliche Komplikationen auftreten – zum Beispiel Herzrhythmusstörungen, akute Herzschwäche (Pumpversagen) oder sogar kardiogener Schock [2, 4]. Wer einmal an einem Broken-Heart-Syndrom erkrankt ist, sollte sich dennoch vor erneuten Stressoren schützen, denn in seltenen Fällen kann es auch ein zweites Mal auftreten. Einerseits werden hierfür Medikamente wie Beta-Blocker eingesetzt (Schutz des Herzmuskels vor den Stress-Hormonen). Andererseits können aber auch Entspannungstechniken erlernt und belastende Situationen gezielt vermieden werden.
Fazit
Ein gebrochenes Herz braucht Verständnis, von einem selbst und von anderen. Das Broken-Heart-Syndrom zeigt eindrücklich, wie eng seelische und körperliche Gesundheit verbunden sind. Wer einen schweren Verlust oder großen Stress erlitten hat, darf und sollte sich professionelle Hilfe suchen. Mit der richtigen Unterstützung und Schonung kann das Herz heilen. Und zu wissen, dass das Broken-Heart-Syndrom ein reales, medizinisch erklärbares Phänomen ist, kann Betroffenen und ihren Angehörigen vielleicht etwas die Angst nehmen. Somit können nicht zuletzt auch Rückfälle vermieden werden.
Nächste Woche erklären wir, was die zugrundeliegenden körperlichen Vorgänge sind, die zu dem Broken-Heart-Syndrom führen können.
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Quellen
[1] Zulkifli Amin, H., Zulkifli Amin, L., Pradipta, A. (2020). Takotsubo Cardiomyopathy: A brief Review, Journal of Medicine and Life, 13 (1), S. 3-7.
[2] Napp, L. C., Bauersachs, J. (2015). Takotsubo-Kardiomyopathie. In: Lehnert, H., et al. DGIM Innere Medizin. Springer Reference Medizin. Berlin/ Heidelberg: Springer.
[3] Sharkey, S. W., Lesser, J. R., Maron, B. J. (2011). Takotsubo (Stress) Cardiomyopathy. Circulation, 124 (18), S. 460-462.
[4] Ghadri, J.-R., Wittstein, I. S., Prasad, A. et al. (2018). International Expert Consensus Document on Takotsubo Syndrome (Part I): Clinical Characteristics, Diagnostic Criteria, and Pathophysiology. European Heart Journal, 39 (22), S. 2032-2046.






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