Liebe psyCardialer,
diese Woche haben wir, kurz vor Ostern, ein kleines psyCardial-Spezial für euch. Vor rund zwei Wochen war es mir vergönnt, ein Interview mit einem jungen Mann zu führen, den ich eine längere Zeit betreuen durfte. Sascha (Name geändert) ist seit nunmehr 6 Jahren in einer Führungsposition eines großen Logistik-Unternehmens angestellt. Ein großer Dank geht an Sascha, der sich die Zeit für uns genommen hat und seine Geschichte erzählt.
Carina: Sascha, wir wollen heute über Deine Geschichte sprechen und wie Du es geschafft hast, neue Wege und innere Kraft zu finden. Vielleicht magst Du uns kurz erzählen, was Du vor 3 Jahren erlebt hast.
Sascha: Ja, gerne. Ich bin seit etwa 6 Jahren in einem großen Logistik-Unternehmen als Führungskraft angestellt. Als ich die Position übernahm, habe ich mich richtig geehrt gefühlt und wollte alles perfekt machen. Zahlen liefern, die Chefs beeindrucken und ein toller Vorgesetzter für meine Kollegen sein. Du kannst Dir vorstellen, dass das in einem ziemlichen Hamsterrad aus Arbeit und Perfektion geendet hat. 60 Stunden die Woche und kaum Zeit für die Familie waren da keine Seltenheit. Ungesunde Ernährung, wenig Sport, keine Zeit für mich.
Carina: Das ist enorm, was Du da geleistet hast. Es klingt nach viel Verzicht und dennoch hattest Du immer Spaß an Deiner Arbeit, wenn ich das so raus höre.
Sascha: Auf jeden Fall. Auch wenn es nicht immer einfach war. Irgendwann hat mein Körper mich dann ja auch ausgebremst.
Carina: Was genau ist passiert?
Sascha: Vor ziemlich genau drei Jahren, kurz nach meinem 48. Geburtstag, hatte ich dann einen Herzinfarkt – mitten in einer intensiven Projektphase. Das hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt und mich aus der Bahn geworfen. Ich war einige Tage im Krankenhaus und danach recht schnell in der Reha. Trotzdem war mein Kopf anfangs immer noch beim Projekt. Selbst aus dem Bett im Krankenhaus habe ich noch versucht, Dinge zu organisieren. In der Reha habe ich dann viel über den Faktor Stress gelernt und natürlich über gesunde Ernährung und körperliche Aktivität. Das hat mir die Augen geöffnet, dass ich mich mehr auf meine Gesundheit und meine Familie konzentrieren muss.
Carina: Das klingt nach einer extrem belastenden Erfahrung. Wie hast Du es geschafft, wieder zurück in einen stabilen und dennoch ruhigeren Alltag zu finden?
Sascha: Es war ein harter Weg. Aber ein Begriff hat dabei eine große Rolle gespielt: Resilienz. Ich habe während meiner Reha das erste Mal davon gehört. Es geht dabei darum, innere Widerstandskraft zu entwickeln – also die Fähigkeit, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern sogar gestärkt daraus hervorzugehen.
Carina: Was verstehst Du heute ganz konkret unter Resilienz?
Sascha: Für mich bedeutet Resilienz, nicht nur stark zu sein, sondern vor allem zu werden. Das heißt, ich habe gelernt, mich nicht von Rückschlägen lähmen zu lassen. Ich schaue heute viel mehr auf meine Ressourcen und setze mir kleine Ziele: Was kann ich beeinflussen? Wo brauche ich Hilfe? Es geht darum, dass ich akzeptiere, dass ich nicht mehr so belastbar bin wie früher. Ich muss mich also stets reflektieren und überlegen, wie ich mein Verhalten dementsprechend anpassen kann. Die Dinge bewusst positiv zu betrachten, aktiv zu bleiben und auch mal Auszeiten zu nehmen, selbst wenn es schwerfällt, das hilft enorm.
Carina: Gab es bestimmte Strategien oder Übungen, die Dir geholfen haben?
Sascha: Ja, mehrere. Ich habe zum Beispiel gelernt, wie wichtig ein strukturierter Tagesablauf ist – mit Pausen, Bewegung und bewussten Auszeiten. Auch Achtsamkeitstraining hat mir geholfen, meine Gedanken zu sortieren. Und was ich früher gar nicht konnte: Hilfe annehmen. Ich habe heute ein Netzwerk aus Freunden, Familie und Therapeuten, auf das ich mich verlassen und die ich um Hilfe bitten kann.
Carina: Welche Rolle spielte Deine berufliche Rolle als Führungskraft in diesem Prozess?
Sascha: Ich war es gewohnt, immer die Kontrolle zu haben – über Prozesse, Projekte, Menschen. Zu Beginn, als ich die Position übernahm, fiel es mir nicht leicht, auch mal Verantwortung und Teilprojekte abzugeben. Lieber wollte ich auf „Nummer sicher“ gehen, dass auch alle Prozesse wie geplant laufen und es selbst in die Hand nehmen. Dadurch war ich wie in einem Hamsterrad. Nach dem Herzinfarkt musste ich lernen, ein Stück weit die Verantwortung an meine Team-Mitglieder zu übertragen, auch mal loszulassen und zu vertrauen. Das war schwer. Aber ich denke, echte Resilienz hat auch viel mit Demut zu tun. Mit der Einsicht, dass man nicht alles alleine schafft – und dass das auch in Ordnung ist.
Carina: Was würdest Du jemandem raten, der gerade eine ähnliche Situation durchlebt?
Sascha: Ich würde sagen: Du musst nicht alles allein schaffen. Resilienz heißt nicht, unverwundbar zu sein. Es heißt, Wege zu finden, mit Belastungen umzugehen – sei es durch Perspektivwechsel, Selbstfürsorge oder den Mut, Hilfe zu holen. Jeder kann lernen, resilienter zu werden, egal wie alt er ist oder was er erlebt hat und auf diese Weise zu innerer Stärke und Selbstvertrauen finden.
Carina: Es ist bewundernswert, welchen Optimismus Du ausstrahlst. Eine letzte Frage habe ich noch: wie geht es Dir mit Deiner Herzerkrankung heute?
Sascha: Mir geht es besser denn je. Ich bin deutlich belastbarer und fitter geworden. Mein Herz hat sich gut erholt. Ich treibe regelmäßig Sport und das hilft mir auch sehr, genau wie meine Übungen zur Achtsamkeit. Mein Kardiologe ist sehr zufrieden. Ich habe viel weniger Beschwerden als in den Jahren vor dem Herzinfarkt und habe auch das Gefühl, dass ich ruhiger geworden bin und die Zeichen meines Körpers viel besser verstehe.
Carina: Vielen Dank, Sascha. Dein Weg war und ist immer sehr inspirierend für mich gewesen.
Sascha: Danke Dir. Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte anderen Mut machen kann.
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